Reisebericht - Amazonas

 

Amazonas - Naturparadies

 

Der Mann sieht dem jungen Barack Obama zum Verwechseln ähnlich. Und er hat entsprechend Autorität. Zumindest hier, knapp zwei Schiffstage von Manaus entfernt. „Keiner darf die Delfine füttern“, sagt Milton, der Guide, knapp. Die rosafarbenen Flussflipper sind der tierische Höhepunkt jeder Amazonasreise. Sie sind molliger als ihre Verwandten im Meer, haben eine wulstige Stirn und ein spitzes, langes Maul, mit dem sie in den unzähligen, oft seichten Seitenarmen nach Nahrung stöbern. Und sie sind den Menschen, die hier entlang des Rio Negro leben, heilig. „Früher dachte man, die Delfine kommen nachts als junge Männer an Land und verführen unsere Mädchen“, sagt Milton. So verklärte man ungewollte Schwangerschaften ins Mystische. Heute werden die Tiere aus profaneren Gründen verehrt: Sie locken zahlungskräftige Touristen in diese abgelegene Region.

Abgelegene Millionenstadt. Zwei Tage zuvor erreichten auch wir Manaus, die Amazonas-Metropole, die etwa so viele Einwohner wie Wien hat, in die aber keine geteerte Straße führt (s. Grafik o.). „Man kommt nur per Boot oder Flugzeug hierher, dafür aus allen Richtungen“, erzählt Casio, der uns an diesem drückend schwülen Vormittag durch das einstige Reich der Kautschukmillionäre lotst. Zwischen 1890 und 1925 erlebte die Stadt einen unvergleichlichen Boom. Mit dem Aufkommen der Automobile und dem Ersten Weltkrieg stieg die weltweite Nachfrage nach Reifengummi rasant an. Heerscharen von Arbeitern strömten im Auftrag der autschukbarone in die umliegenden Wälder. „Dabei verdienten wenige so viel Geld, dass sie gar nicht wussten, wie sie es hier ausgeben sollten“, sagt Casio. Also bauten sie die noch heute berühmte Oper, das Teatro Amazonas, das eine Akustik bietet, die es mit jedem Haus in Europa aufnehmen kann. Sie schufen eine koloniale Altstadt, in der die weltweit erste elektrische Straßenbeleuchtung brannte. Und wenn die Reichen weiße Wäsche reinigen wollten, verschifften sie diese nach Europa, weil das schwarze Wasser des Rio Negro die Kleidung verfärbte. Vier Monate später kam die Schmutzwäsche sauber zurück. 1925 war es dann schlagartig mit der Dekadenz vorbei. Die Briten hatten inzwischen Kautschukbaum-Setzlinge nach Südostasien exportiert, wo die Produktion noch billiger und effizienter ablief. Manaus fiel in einen Dornröschenschlaf, aus dem es 2014 vielleicht kurz geweckt wird. „Wir bauen gerade an der Arena da Amazonia für die Fußball-WM 2014“, schwärmt unser Guide. 50.000 Fans haben in dem Stadion Platz. Doch es gibt nur drei Spiele. Und dann? Darauf hat auch Casio keine Antwort – und bekennt: „Unsere eigene Mannschaft spielt in der dritten Liga. Vielleicht haben wir unsere Dekadenz doch noch nicht ganz abgelegt.


              

Auf dem Luxusschiff flussaufwärts. Nur einen Tag später ist die Zeitreise vorbei, und die Entdeckungsfahrt beginnt. Mit dem Hotelschiff Iberostar Grand Amazon bummeln wir den Rio Negro entlang nach Westen. Die gemächliche Fahrt wird nur durch meteorologische Extremsituationen unterbrochen. Dann nämlich, wenn Gewitter aus heiterem Himmel aufziehen, sich ohrenbetäubend entladen und ebenso schnell wieder abziehen. „Wir stehen am Beginn der Regenzeit“, sagt Kapitän José Ramide de Castro. „Der Wasserstand steigt bis September um 15 Meter.“ Deshalb stehen die versprengten Häuser auf hohen Pfählen, abgesehen von kleinen schwimmenden Hütten, in denen zumeist Fischer leben. Und der Fluss wächst. An seiner breitesten Stelle misst der Rio Negro satte 15 Kilometer. Mit einer Hochseekreuzfahrt hat die Tour trotzdem nichts gemein. Zweimal täglich werden wir ausgeschifft: zu Wandersafaris durch den Urwald oder Speedboot-Touren durch die unzähligen kleinen Kanäle. Dabei sieht man Papageien, lernt, dass die Tiere ihr Leben lang monogam zusammenleben, und kann, wenn man sich traut, auch schwimmen gehen – trotz Krokodilen und Piranhaschwärmen. „Beide stehen zwar auf Frischfleisch, doch nur dann, wenn man offene Wunden hat und blutet“, beruhigt Milton, der hier aufwuchs.

Indianer im Fußballfieber. Und was ist mit den federgeschmückten Indianern, die man sich als europäischer Tourist paddelnd und  blasrohrschwingend erwartet? Nun, Blasrohre gibt es – um fünf Euro als Souvenir. Kanus haben ausgedient, dafür kreuzen knallgelbe Schulboote zwischen den Dörfern, die die Kinder jeden Morgen einsammeln und abends zurück ins Dorf bringen. „Zivilisation und Bildung haben auch dieses Eck der Welt erreicht“, sagt Milton. Trotzdem gibt es Unterschiede. Im Dorf der Baré erzählt mir der Älteste, dass sein Sohn in Manaus Medizin studiert hat und als Arzt zurückgekehrt ist. „Er wollte mit seinem Volk zu leben.“ Die Baré waren einst fünf Millionen, heute sind sie gerade noch 400.000. Doch sie sind stolz auf ihre Kultur, leben im streng hierarchischen Familienverband und heiraten keine Brasilianer. Nur eines darf auch im Indianerdorf nicht fehlen: ein Fußballfeld. „Hey, 2014 ist schließlich WM in Manaus“, sagt ein Junge. „Da muss Brasilien gewinnen.“

 

aus: NEWS 12/05
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