Reisebericht: Indien

 

Indien  - Wo Kühe Vorrang haben

 

Der Weg ins Land der Maharadschas führt durch eine Stadt, die auf den ersten Blick so gar nichts mit architektonischer Anmut oder hinduistischer Ruhe zu tun hat. Delhi, Indiens Hauptstadt mit gut zwölf Millionen  Einwohnern, empfängt seine Gäste mit Lärm, Smog und ungezählten Obdachlosen jeden Alters. Dennoch gibt es malerische Orte, die Ansätze jenes Glanzes vorwegnehmen, den man auf der Reise durchs Märchenland erwarten darf.

›Delhi bietet mehr Gegensätze als jede andere Stadt‹, sagt Jawaharlal Singh, Reiseführer des noblen Hotel Imperial. Und er muss es wissen: Täglich durchstreift er mit Touristen das alte Zentrum Old Delhi mit seinen verwinkelten Gassen, den kleinen Geschäften und Märkten. Ganz in der Nähe liegen auch das Rote Fort und Indiens größte Moschee, die Jamia Masjid. Sie sind die wohl imposantesten Beispiele imperialer Macht, die die Hauptstadt noch zur bieten hat. Und sie stehen in krassem Gegensatz zu New Delhi, der von den Briten entworfenen Neustadt, mit ihren modernen, wenig schmucken Verwaltungsgebäuden. Hierher kommt man für gewöhnlich nur, um am Connaught Place, dem ökonomischen und touristischen Zentrum, eine Luxus-Tour durch den Norden Indiens zu  buchen. Und hier trifft man auch all die anderen Indien-Reisenden, die ihre Leidenschaft für das Land nur allzu oft teilen wollen.

Wir wählen als erste Station gleichzeitig die berühmteste. In einem klimatisierten Minivan mit geschultem Chauffeur – Selbstfahren ist in Indien ein Himmelfahrtskommando – steuern wir das Taj Mahal in Agra an. Für ›Dschungelbuch‹-Schöpfer Rudyard Kipling war die Schönheit des  Mausoleums ›jenseits jeglicher Beschreibung‹. Und obwohl Theatralik wie diese mich sonst nicht beeindruckt: Besucher, die zum ersten Mal das  Eingangstor durchschreiten und das Denkmal der Liebe vor sich erblicken, wissen, was Kipling meinte. Der fast schon magische Eindruck schwebender
Leichtigkeit, den dieser riesige Bau aus weißem Marmor vermittelt,  verleitet nicht nur Poeten zu lyrischen Blüten. Die legendenumrankte Entstehungsgeschichte des Taj Mahal ist daran sicher nicht ganz unschuldig: Vor über 300 Jahren soll Herrscher Shah Jahan das Grabmal für seine Lieblingsfrau Mumtaz Mahal errichtet haben, die im Kindbett starb. Der unglaubliche Aufwand an Ressourcen – 20.000 Arbeiter waren für den Bau nötig – führte jedoch zu seinem Sturz. Der unglückliche Shah wurde daraufhin ins Rote Fort von Agra gesteckt, von wo aus er bis an sein Lebensende traurig auf das Taj Mahal hinabgeblickt haben soll.

 Doch genug von herzzerreißendem Kismet. Indiens Norden bietet auch abenteuerliche Abwechslung. Vier Autostunden von Agra entfernt liegt der schon 1957 gegründete Nationalpark Ranthambore. Nirgendwo sonst trifft man Tiger in freier Wildbahn häufiger an. Und die Chancen, den König des

Dschungels zu sehen, steigen. ›Wir dürfen uns fast jedes Jahr über Nachwuchs freuen‹, erzählt Jay Rathore. Der Inder mit Oxford-Zungenschlag war einige Jahre Manager des noblen Park-Resorts Vanyavilas und führt jetzt das Schwesterhotel in Delhi. Die Anlage der Oberoi-Gruppe gehört zum Exklusivsten, was Indiens Hotellerie zu bieten hat. In klimatisierten Luxuszelten, die schon der indische Premier im Gästbuch hymnisch beschrieb, badet man nach der Tiger-Safari in Rosenblüten und nächtigt in überdimensionalen Himmelbetten. Die besten Chancen, die gestreiften Raubtiere zu sehen, hat man übrigens frühmorgens.

Fern jeglicher Tierwelt und mit einem Bruchteil des eben beschriebenen Luxus geht’s weiter in die heilige Stadt Pushkar. Tiefgläubige Hindus pilgern hierher, um sich im See rituell zu waschen. Touristen können das bunte Treiben mit Respektabstand von der Terrasse des Heritage-Hotels Pushkar Palace aus beobachten – doch ohne Cocktail in der Hand. Denn Alkohol ist, genau wie Fleisch, im gesamten Ort tabu. Die Ironie: Im moslemisch geprägten Nachbarort verdienen sich Händler mit dem Bierdurst der Reisenden dafür eine goldene Nase.

Die weltentrückte Stimmung von Pushkar ist im pulsierenden Jaipur schnell verflogen. Die Stadt wurde 1876 zur knalligen Begrüßung des englischen Prinzen Albert rosa angemalt – und die Zuckerlfarbe konnte kein noch so starker Monsun bisher abwaschen. Also strahlt auch der weit über die Grenzen Indiens bekannte Palast der Winde, hinter dessen 953 Fenstern einst Haremsdamen auf das bunte Straßentreiben spähten, in sattem Pink. Sie träumten hier von der Freiheit – und vielleicht auch vom benachbarten Jodhpur, der mindestens ebenso o eindrucksvollen Stadt, die weitere sechs Autostunden westlich liegt. Hier empfängt den Besucher das alles überragende eherangarh-Fort, von dem Kipling meinte, es müsse von Titanen erbaut worden sein. Ein Titan sollte man freilich auch sein, wenn man sich gegen die aufdringlichen Verkäufer am lebhaften Sadar-Markt
durchsetzen will. Der Shopping-Rundgang lohnt trotzdem.

 

Denn in Udaipur, der letzten von uns besuchten historischen Fürstenstadt, kann man endgültig in Maharadscha-Manier entspannen. Dafür sorgt das Luxusresort Udaivilas, das ebenso zur Oberoi-Gruppe gehört und für mich zu den besten Hotels der Welt zählt. Hier steigt man vom riesigen Schlafzimmer direkt in den gigantischen Pool und genießt dabei einen Blick auf die Altstadt, der unvergleichlich ist. Die einzige Residenz, die es mit dem Udaivilas aufnehmen kann, ist das im See von Udaipur gelegene The Lake Palace Hotel. Cineasten kennen es sicher noch als Octopussys schwimmenden Palast aus dem gleichnamigen Bond-Abenteuer.

 

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