Reisebericht - Teereise

 

Teereise Darjeeling

 

Der Empfang war für unsere Begriffe ungewöhnlich und von einer buchstäblich berührenden Gastfreundlichkeit. Nachdem wir über einen Teppich aus frischen Blütenblättern geschritten waren, schmückten uns freundlich lächelnde Teepflückerinnen am Eingangstor zum Okayti Tea Estate mit weißen Seidenschals, einer eher eigentümlichen Kopfbedeckung sowie mit einem auf die Stirn gemalten roten Punkt. Dieses energetische „dritte Auge“, Bindi genannt, gilt im Hinduismus als Sitz von Weisheit und Erkenntnis.

Wo Hupen regieren. Die erste Erkenntnis hatte die neunköpfige Reisegruppe aus Österreich zu diesem Zeitpunkt freilich bereits hinter sich. Jene nämlich, dass in Indiens Straßenverkehr ohne Hupe rein gar nichts geht! Sie ist die Allzweckwaffe des indischen Autofahrers, ersetzt Blinker, Licht und Rückspiegel, nicht selten auch Bremspedal und Verstand. So gewöhnungsbedürftig das allgegenwärtige Hupkonzert auch sein mag: Der Vorteil ist, dass es hier kaum einmal ein rüdes Geschimpfe oder Stinkefinger-Zeigen gibt. Der wahrlich atemberaubende Verkehr fließt, auch wenn für unsereins ewig rätselhaft bleiben wird, wieso.

Rund zweieinhalb Stunden dauert die Fahrt von der westbengalischen Provinzstadt Bagdogra die engen Straßen hinauf in die legendäre Darjeeling-Region. Die grünen, hügeligen Vorberge des schneebedeckten Himalaja-Massivs (für uns nebelbedingt leider unsichtbar) erinnern rein topografisch an vertraute Gegenden wie die Toskana oder die Südsteiermark. Nur dass in Darjeeling (600 – 2.300 m Seehöhe) statt Wein eben Tee angebaut wird. Nicht irgendein Tee, sondern einer der erlesensten und begehrtesten der Welt, gerne „Champagner des Tees“ genannt und seit Februar 2012 auch mit geografischem Herkunftsschutz (blaues EU-Ursprungslogo) geadelt.

 


87 Teegärten. Während der britischen Kolonialherrschaft diente die Region zwischen Nepal und Bhutan wegen ihres angenehmen Klimas als Refugium für britische Kolonialbeamte und Offiziere, die jedes Jahr während der Hitzeperiode aus Kalkutta (bengal.: Kolkata) nach Darjeeling „flüchteten“. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde hier der Anbau der Teepflanze Camellia sinensis forciert. Heute wachsen auf einer Fläche von insgesamt 17.500 Hektar jährlich etwa acht bis zehn Millionen Kilo Tee. Überraschend für uns kam die Info, dass bereits rund 60 Prozent der 87 Teegärten in den vergangenen Jahren auf biologische Produktionsweise umgestellt haben. „Die Nachfrage aus Europa, speziell aus Deutschland, ist groß“, verdeutlicht Rajiv Gupta, Manager des Tumsong Tea Estate die oft unterschätzte Macht der Konsumenten. Bioanbau verbessert nicht nur die Qualität des Tees, weil der Wachstumsprozess wegen des Verzichts auf „chemische Keulen“ langsamer vonstatten geht, sondern ist auch gesünder für Arbeiter und Natur. Gupta: „Wir setzen Kräutermixes (Neemöl etc.) ein. Weniger, um Schädlinge abzuwehren, als um Nützlinge zu stärken und zu unterstützen.“

 Vier Ernten pro Jahr. Im Teegarten Marybong, der ebenso wie Tumsong zur Chamong-Gruppe, dem weltgrößten Produzenten von Bio-Tee, gehört, erleben wir die erste von insgesamt vier Ernten im Jahresverlauf mit. Der sogenannte „First Flush“, das zartgrüne Aufblühen der Teepflanzen, wird Anfang März nach dem Rückschnitt und der Vegetationspause geerntet. Dieser Tee ist besonders aromatisch und gelbgrünlich im Aufguss mit einem frisch-blumigen und lebendigen Auftreten. Dann folgen die sogenannten „In-betweens“ (Zwischenernten), die meist im heimischen Markt verbleiben. Ab Ende Mai wird der „Second Flush“, der zweite Blattaustrieb, geerntet. Zu dieser Zeit hat die Sonne schon wesentlich mehr Kraft, was den Tees ihr höchstes Aroma verleiht. Ab etwa Ende Juni werden während der Regenzeit die sogenannten „Monsun-“ oder „Regentees“ gepflückt, die sich durch einen sehr herben Charakter auszeichnen. Den Abschluss bildet die „Autumnals“ (Herbsttees), die gerbsäurearm mit herb-würzigem Aroma sind.

 

               

Die Kunst des Pflückens. Gepflückt werden ausschließlich die oberste Blattknospe und die zwei darauffolgenden Blätter eines Triebes („Two Leaves and a Bud“). Denn ältere Blätter wirken sich negativ auf die Qualität des Endprodukts aus. Das Pflücken erfordert viel Sorgfalt und Geschicklichkeit und wird von jeher ausschließlich von Frauen ausgeführt. Die durchschnittliche Pflückleistung einer Pflückerin beträgt etwa 16–24 kg grüne Blätter am Tag, das ergibt ca. vier bis sechs Kilo fertigen Tee. „Die Erfahrung und das Know-how der Arbeiterinnen ist durch nichts zu ersetzen“, versichert Manager Rajiv Gupta.

Im Gegensatz zu Kaffee, der als Rohprodukt eingeführt wird und erst im Verbrauchsland durch Verlesen und Rösten seine endgültige Gestalt erhält, wird Tee bereits auf den Plantagen im Ursprungsland aufbereitet und als fertiges Produkt exportiert. Nach dem Pflücken durchläuft der Tee einen Verarbeitungsprozess, der sich in Welken, Rollen, Fermentieren, Trocknen und Sortieren einteilen lässt ( siehe Grafi k l.). „Der Geschmack und das Aroma jedes Tees sind vom Anbaugebiet über das Klima bis hin zur Ernte und der Verarbeitung abhängig“, sagt der renommierte Wiener Teehändler Andrew Demmer beim Blick über den Teegarten von Marybong, „So können sogar Teeblätter unterschiedliche Qualitäten aufweisen, die zwar aus ein und demselben Teegarten stammen, aber im Abstand von nur wenigen Tagen geerntet wurden.“

Die Kunst der Teeverkostung. Genau hier beginnt nun die heikle Aufgabe des Teeverkosters, nämlich aus dem verfügbaren Angebot genau die Qualität auszuwählen, die die gewünschten Eigenschaften eines Tees ausmacht. Demmer: „Teeliebhaber stellen sich den Beruf des Teatasters
natürlich traumhaft vor, aber die Teeproben schmecken nicht immer gut.“ Um die Qualität von Tees beurteilen zu können, müssen Teeverkostungen unter immer gleichen Bedingungen ablaufen. Traditionellerweise werden stets exakt 2,86 Gramm Teeblätter mit einem Achtelliter frisch aufgekochtem Wasser übergossen. Bei einer relativ langen Ziehzeit von fünf Minuten lösen sich die Bitterstoffe. Bevor nun der Aufguss verkostet wird, begutachten die Tee-Experten zuerst die Farbe und den Geruch der Infusion.

 Um sämtliche Nuancen herauszufiltern, wird der aufgegossene Tee aus der Tasse lautstark geschlürft und im Mund verteilt, um alle Geschmacksknospen auf Zunge und Gaumen zu erreichen. Durch das Schlürfen wird zusätzlich Sauerstoff in den Mund aufgenommen, wodurch der Geschmack des Tees noch intensiver wird. Dann wird der Tee – ähnlich wie bei der Weinverkostung – wieder ausgespuckt. Dafür gibt es ein Metallgefäß, den sogenannten „Spittoon“.

„Die Kunst der Teeverkostung liegt darin, in diesem einen Schluck Farbe, Duft, Charakter und Kraft des Tees, also das ganze Spektrum, mit dem sich das Tee-Aroma umschreiben lässt, zu erfassen und mit den eigenen Qualitätsstandards im Kopf zu vergleichen“, erklärt Michaela Denk, Tee-Sommelière im Demmer-Shop in der Mariahilfer Straße. Dazu braucht es eine sensible Nase und einen sehr feinen Geschmackssinn, die ein Teataster jahrelang trainieren muss. Denk: „Rauchen, starke alkoholische Getränke, Kaffee am Morgen und scharf gewürztes Essen sind für uns tabu.“

aus: NEWS Leben, Ausgabe 2012/05
Bildmaterial: Shutterstock